Semesterprojekt

within refusing, how can i protect myself from getting visible? / Carl Einstein, 2009

Versuch über die Sichtbarkeit angewendeter Kontrolldispositive und Strategien der Verweigerung

1. Amerikanische Soldaten, welche sich gegenseitig in körperliche Ausnahmezustände versetzen, indem sie sich Pfefferspray ins Gesicht sprühen und versuchen, weiterzutrainieren. Selbstinszenierungen oder Initiationsriten, welche nachher auf Internetplattformen erscheinen.

2. Eine Person, welche sich freiwillig dazu bringen lässt, die Foltermethoden in Guantanamo nachzustellen und möglichst lange unter Reizentzug zu verharren; mit verbundenen Augen, Maske, gefesselten Händen und Füssen, Kopfhörern. Die Person sitzt unbeweglich am Boden. Über diesem Bild flimmert das Bild einer Überwachungskamera, welche einen leeren Raum filmt.

3. In einem futuristischen Einkaufszentrum sehen wir einen Mann, welcher in Actionfilmmanier Waren in seinem Mantel verschwinden lässt. Kurz bevor er sich durch die Ausgangsschranke davonmachen will, wird er von einem Sicherheitsbeamten angehalten - er habe seine Quittung vergessen. Dies ist ein Werbefilm einer Firma, welcher für implantierbare Chips wirbt, die es ermöglichen, dass man nur eine Schranke zu passieren hat, um seine Ware zu bezahlen.

4. Eine junge Frau mit starrem Blick betrachtet irgendeinen Punkt ausserhalb unserer Sichtweite. Das Bild bewegt sich so langsam, dass wir die Bewegung nur feststellen, wenn wir uns darauf konzentrieren. Der Film entstammt einer Internetplattform, auf welcher Ausgangs-und Partyvideos aus der sublimen und fröhlichen Welt hochgeladen werden.

5. Audiospur eines Werbevideos für das Active Denial System, welches mittels Mikrowellenstrahlung körperliche Schmerzzustände hervorruft.

6. Ein Patent aus dem Jahre 1982. Geforscht wird nach Materialien und deren Bearbeitung zwecks einer besseren Reflexion hochfrequenter Mikrowellen.

7. Eine Schutzhülle für den kommenden biometrischen Pass. Da selbst sensible Daten, die in RFID-Chips gespeichert werden, von Drittpersonen gehackt werden können, verunmöglicht dieser "Faradaysche Käfig" unerwünschtes Auslesen.

Erste Deutungsansätze

Was sich hier mehr oder minder merklich verfestigt und durch alle Bilder zieht, ist eine Einkörperlichung von Regierungstechniken. Inzwischen tritt die Herrschaft, welche sich nicht mehr rein repressiv äussert, sondern zur Selbst-beherrschung geworden ist, vor allem auch dort gerne auf, wo vermeintliche Freiheit gepriesen wird. Wir haben auf der einen Seite die imperialistische Kriegsmacht USA, welche ihre "detainees" in einen rechtlosen Zustand versetzt und über sie und über ihre Körper in doppeltem Sinne einen Ausnahmezustand verordnet. Auf der anderen Seite haben wir die Partygänger Europas, welche bereit sind, sich chippen zu lassen, um Member in einem Club zu werden und sich selbst regieren, indem sie sich peinlichst genau an "Abmachungen" halten, welche still getroffen werden; die Technikerinnen des Selbst. Aber irgendwo dort beginnen Linien zu verschwimmen; da, wo nicht klar ist, ob selbstauferlegte Gewalt auch Folter sein kann. Oder könnte man die Gewalt, mit welcher die junge Frau sich selbst zu etwas macht nicht als unsichtbare Folter bezeichnen? Hier verwischen sich Spuren, inmitten den Wirrungen dessen, was auch schon als positive Macht bezeichnet wurde. Was daraus hervorkommt ist eine immense Bildproduktion. Weshalb sagt jemand freiwillig zu, eine Foltersituation nachzustellen? Wenn eine solche nachgestellt wird, nach welchen Kriterien, und welche Ästhetik wird gesucht? Welche Ästhetik suchen die Soldatinnen, welche offensichtlich wissen oder wollen, dass sie bei ihren Selbstversuchen gefilmt werden? Was beliefert die junge Frau? Wo ist in der Unergründlichkeit ihres leeren Blicks nicht auch eine Gefahr auszumachen, welche immer neue Kontrolldispositive fordert, da sich überall ihre diffuse Potenzialität ausbreitet?

Vermeintliche Antworten liefert uns Beckkay Harrach. In einem Drohvideo warnt der konvertierte religiöse Fanatiker Deutschland vor kommenden Anschlägen. Doch entscheidend sind nicht seine Forderungen, sondern sein Auftreten. Gepflegtes, lockiges, schwarzes Haar, Anzug mit Krawatte, im Hintergrund ein roter Theatervorhang. Die Botschaft ist klar: Jedes beliebige Muttersöhnchen ist ein potentieller Terrorist. In einer ähnlichen Argumentationsweise verweist das US-Militär auf die Komplexität des zeitgenössichen Kriegsgebiets. Dieses hat sich bis in die Heimat ausgeweitet, "der Feind versteckt sich in der Zivilbevölkerung". Die moderne Kriegsführung wendet sich gegen Innen und gegen das Innere der Bevölkerung, polizeiliche und militärische Aufgaben vermischen sich, gesucht wird nach neuen nicht-tödlichen Waffen. Denn das Töten mittels kinetischer Energien wird als archaisch betrachtet und um Kollateralschäden zu vermeiden, wird die Option zwischen (Auf-)Rufen und Schiessen angepriesen: Erzieherische Methoden, die im Grunde auf Folter beruhen. Hochfrequente Mikrowellen sollen potentielle Dissidenten dazu bewegen, sich zu fügen. Bei welchem Grad von Abweichung richten sich diese Mikrowellen gegen mich? Und was für eine Art Schutzanzug benötige ich, um mich davor zu schützen? Wie werde ich erkennbar durch einen solchen Anzug - und gleichzeitig unsichtbar für RFID-Scanner?

Die paranoide Vision, die Frau in der Disco sei potentiell eine Gefahr, beschleunigt die Entwicklung und Verwendung von Kontrolltechnologien. Doch so sehr im Moment der Abwesenheit, in dem die Techniken des Selbst zu wirken aufhören, zur Motivation einer Anhäufung von Kontrolldispositiven wird, stellt dieser auch immer gleichzeitig eine Überforderung für die polizeilichen Organe dar, und ist somit Ausgangspunkt subversiver Techniken.

Tags: Law & Order, Politik, Sicherheit