Semesterarbeit

Nach Jahr und Tag. Ein Modell der Unschuld / Andreas Selg, 2010

Acht Fotografien

Eine Tonspur

(HD-Video, 8:19 Min.)

"Nach Jahr und Tag" ist eine Auseinandersetzung mit Frischs "Andorra". In diesem Drama (Uraufführung 1961) thematisiert Max Frisch am Beispiel des Antisemitismus die Auswirkung von Vorurteilen, die Schuld der Mitläufer und die Frage nach der jeweils eigenen und der gesellschaftlichen Identität.

Frischs Thema, der Umgang mit dem Fremden, bleibt aktuell. Diese Arbeit setzt sich jetzt, ein halbes Jahrhundert später, mit seinen Thesen dazu auseinander. Und kommt zu anderen

Sichtweisen als Frisch sie seinerzeit unter dem Eindruck des Krieges hatte.

Frischs Stück handelt von Andri, einem jungen Mann, der von seinem Vater unehelich mit einer Ausländerin gezeugt wurde und als jüdischer Pflegesohn ausgegeben wird. Die Bewohner Andorras begegnen Andri, dem angeblichen Juden, mit Vorurteilen, und zwar so sehr, dass er selber an der vermeintlich jüdischen Identität festhält, selbst nachdem er seine wahre Herkunft erfahren hat. Schliesslich wird er vom rassistischen Nachbarvolk ermordet. Nachdem die Andorraner alles haben geschehen lassen, rechtfertigen sie ihr Fehlverhalten und ihre Feigheit und leugnen letztlich ihre Schuld.

Frisch geht dem Thema der Kollektivschuld nach. Er schafft in seinem Stück das Modell der Gesellschaft in einem Kleinstaat und zeigt daran auf, wie die individuelle Unzulänglichkeit, die daraus resultierende Verunsicherung in Projektionen auf das Fremde umgesetzt wird. Weiter zeigt er auf wie diese Projektionen in einem kollektiven Prozess zum Verbrechen am vermeintlich Fremden umschlagen.

"Nach Jahr und Tag" ergänzt diese Sichtweise mit der Frage nach der individuellen Verantwortlichkeit. Dazu werden die Andorraner ohne ihr Opfer Andri dargestellt. Die zentrale Figur Frischs wird aus dem Blickfeld geräumt, die Rolle der Einzelnen dahinter wird dadurch besser sichtbar. Sie bleiben erkennbare Individuen und erfüllen ihre einzelnen Rollen. Aber ihre Ansichten haben sich angeglichen, die Profile werden bei aller Individualität austauschbar (Plastikhüllen über den Köpfen). So entsteht wieder Frischs kollektive Anonymität.

Die abschliessende Aussage Frischs, wonach ein Volk sich vollkommen auf das Kollektiv zurückgezogen und so Schuld auf sich genommen habe, wird ergänzt durch das weiterhin vorhandene Individuum, durch das Bild, das fragen lässt, was unter der Hülle vorgeht. Es stellt sich die Frage, ob und wann der Einzelne diesen Schutz ablegt. Oder ob er daran erstickt.

Die Arbeit zeigt die Andorraner nicht nur als Täter sondern gleichzeitig auch als Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeit.

Sie hinterfragt Frischs kollektives Modell der Mitläufer, der Schuldigen.

Und stellt die Frage, ob damit nicht ein ebenfalls problematisches, umgekehrtes kollektivierendes Gegenbild geschaffen wird.

Ob Frischs Kritik an den Andorranern nicht eine zu starke Stereotypisierung der Schuld enthält, ein Modell, das der Individualität zu wenig Rechnung trägt.

Hat Frischs Kritik etwa Andorranisches?

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Texte: Max Frisch, verändert und teilweise neu geschrieben von Andreas Selg

Gelesen von: Rainer zur Linde

Audioaufnahmen: Radio Studio Bern

Unterstützung: Fabian Flückiger, Dominic Büttner, Rainer zur Linde und Nicolas Streit

Tags: Geschichte, Gesellschaft, Literatur, Schuld