Der ironische Frieden von Lausanne / Mirkan Deniz, 2015

1923 kamen im Palais Rumine die Vertreter Grossbritanniens, Italiens, Japans, Griechelands, Rumäniens sowie des Serbisch-Kroatisch-Slowenischen Staates mit dem damaligen türkischen Staatspräsidenten Ismet Inönü zusammen, um den Friedensvertrag von Lausanne zu unterzeichnen. Damit wurden die Grenzen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches neu gezogen. Eine der Folgen davon war die Aufteilung der kurdischen Gebiete auf vier verschiedene Staaten (Türkei, Irak, Syrien und Iran) und damit die Verweigerung des Selbststimmungsrecht für ein ganzes Volk. Die ungelösten Probleme und territorialen Konflikte, die auf dieses Abkommen zurückgehen, sind heute virulenter denn je. Auf Grund des gleichen Vertrages wurde auch dem armenischen Volk das Recht auf Selbstbestimmung verweigert, was genau so wie im Fall des kurdischen Volkes schlimme Folgen hatte.

Am 11. November 2008 wurde der Tisch, an dem dieser schicksalshafte Vertrag unterzeichnet wurde, vom damaligen Schweizer Bundespräsidenten Pascal Couchepin anlässlich eines Besuchs beim türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül der Türkei geschenkt. Couchepin sprach später davon, dass der Tisch für die Türkei historisch wertvoll sei, für die Schweiz jedoch keinerlei Bedeutung habe.

Dieser Ansicht widerspricht die kurdische Künstlerin Mirkan Deniz. Sie hat sich deshalb entschlossen, in einer symbolischen Aktion eine Replika des Tisches dem Palais de Rumine und der Schweiz zurück zu schenken und damit an die Rolle zu erinnern, die die Schweiz bei diesem Vertrag gespielt hat. Das Geschenk ist ein Aufruf dazu, sich Gedanken über die historische und aktuelle Verantwortung der Schweiz in internationalen Konflikten zu machen und wirft auch Fragen bezüglich der vielbeschworenen Schweizer Neutralität auf, die nicht nur zur Lösung, sondern eben auch zur Schaffung vieler Konflikte beigetragen hat.

Mirkan Deniz fragt aber auch nach den Formen der Erinnerungspolitik. Sie zeigt, wie sich komplexe historische Sachverhalte an Gegenständen bündeln können und dass der Umgang mit diesen immer auch die Geschichte neu verhandelt. Selbst anscheinend einfache Akte wie die Schenkung eines Tisches anlässlich eines Staatsbesuchs sind hoch politisch und haben vielfältige Folgen.

Mit ihrer Aktion erinnert Mirkan Deniz daran, dass sich niemand sich von der eigenen Geschichte lossagen kann, und fordert einen aktive Auseinandersetzung mit der historischen und gegenwärtigen Rolle der Schweiz bezüglich internationaler Konflikte, zum Beispiel in den kurdischen Gebieten.

Die Replika des Verhandlungstisches, der am 27. Oktober nach Lausanne gebracht wurde, ist in einer Koproduktion mit der Shedhalle Zürich entstanden und war dort von Juni bis September 2015 im Rahmen der Ausstellung «The others have arrived safely: Gedächtnisverlust und Geschichtspolitik: Künstlerische Strategien» ausgestellt.

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